Der Weltenbummler

Beinahe acht Mal umrundete Rudolf Dassel mit seinem Käfer die Erde. 315.000 gefahrene Kilometer auf 14 Reisen über verschiedene Kontinente machen die Zeit mit seinem Auto unvergesslich.
AUTOR: KATHARINA AURELIA SCHMIDT
FOTOS: AUTOSTADT
19.11.2025

1945 startete die Serienproduktion des Käfers, zu dieser Zeit mit einer eher geringen Leistung von 25 PS. Doch der Käfer entwickelte sich schnell weiter: seine Motorleistung stieg bis 1966 auf 44 PS, die Fensterflächen wurden vergrößert, das Fahrgefühl verbessert. In der Bevölkerung wuchs die Beliebtheit für das bekannte Modell, 1969 erreichte der Käfer seinen Produktionshöhepunkt. Über eine Million Fahrzeuge wurden in diesem Jahr gefertigt: ein Meilenstein in seiner Produktionsgeschichte. Bis zum Ende seiner Bauzeit im Jahr 2003 liefen weltweit rund 22 Millionen Käfer vom Band. Damit wurde der Volkswagen wortwörtlich zum „Volks-Wagen“.

Für Rudolf Dassel war sein Käfer mehr als nur ein Fortbewegungsmittel. Der Maschinenbau-Ingenieur aus Gevelsberg entdeckte in ihm den idealen Reisegefährten. 1958 wurde sein späterer Käfer erstmals zugelassen, 1962 kaufte Dassel ihn einem alten Schulfreund ab. Technisch in einem guten Zustand, war der Wagen grau überlackiert und mit aufgenieteten Blechen versehen. Dassel hoffte, dass die unauffällige Optik während seiner zahlreichen Urlaubsreisen Autodiebe fernhalten würde.

1963 brach Dassel zu seiner ersten Fernreise mit seinem Käfer auf: Von Belgrad aus fuhr er über Istanbul, Beirut, Kairo, Assuan, Abu Simbel, Damaskus und Jerusalem bis nach Ankara. Insgesamt legten er und sein Auto dabei eine Strecke von 12.497 Kilometern zurück.

Für seine zahlreichen Fernreisen nutze der Globetrotter oft den gesamten Jahresurlaub, manchmal sogar den mehrerer Arbeitsjahre. Nach seiner zweiten Fernreise im Jahr 1966 rüstete Dassel den Käfer gezielt für längere Reisen auf. Eine Schlafgelegenheit im Innenraum machte ihn unabhängig von Hotels, ein Plastikeimer diente als Reisewaschmaschine. Dafür befüllte Dassel den Eimer mit Wasser bis alle Textilien gut bedeckt waren, gab etwas Waschpulver hinzu – und fuhr los. Die Vibrationen des Fahrzeugs übernahmen die Reinigungsarbeit – je holpriger die Straße, desto sauberer wurde die Wäsche. Für Wüstenfahrten plante er mit riesigen Benzinkanistern, Ballon-Wagenhebern und minimalem Gepäck.

112 km/h

Höchstgeschwindigkeit

4.600 DM

Neupreis

1958

Baujahr

In den folgenden 21 Jahren unternahm der Käfer-Enthusiast 14 große Reisen, die ihn durch dutzende Länder auf mehreren Kontinenten führten. Rund 315.000 Kilometer legt der Wagen von Rudolf Dassel dabei zurück - eine Strecke, die fast acht Mal dem Erdumfang entspricht.

Auf seinen Reisen reparierte der Ingenieur fast alles selbst, bis auf einen Ventilschaden 1975 in der Türkei. Seine Reiserouten von 1963 bis 1984 lesen sich wie ein Atlas der Abenteuerlust: von Ägypten über Afghanistan bis Island, von der Sahara bis zum Nordkap. 1966 führte ihn eine 21.000 Kilometer lange Tour durch Pakistan und Afghanistan, 1976 reiste er durch die Sowjetunion, 1980 durch Israel und Ägypten. Die geplante Nigeria-Expedition 1985 musste er aus familiären und gesundheitlichen Gründen absagen, sie wäre seine 15. große Reise gewesen.

Heute ist der legendäre Weltenbummler-Käfer Teil der Sammlung im Zeithaus. Neben dem Fahrzeug selbst übergab Dassel im Jahr 2007 der Autostadt auch eine umfangreiche Sammlung seiner Reiseausstattung: detaillierte Reiseaufzeichnungen, ein Bildarchiv mit Dias, originale Ausrüstungsgegenstände und persönliche Notizen sind darin enthalten.

Vom Zelt und Geschirr bis zum Werkzeug und den Reiseführern: Die Sonderausstellung „Weltenbummler-Adventskalender“, die in der Vorweihnachtszeit 2007 im Zeithaus gezeigt wurde, stellte die verschiedensten Utensilien von Rudolf Dassel aus.

Acht mal um die Welt

Die Reisen von Rudolf Dassel und seinem Käfer


1963: Von Belgrad über Istanbul und Kairo bis nach Damaskus und Jerusalem (12.497)

1966: Von Istanbul durch Pakistan, Afghanistan bis in den Iran und wieder zurück nach Istanbul (21.000 km)

1968: Von Lyon durch Portugal bis nach Algier und Tunis, und dann zurück über Italien (9.358 km)

1972: Von Hamburg bis zum Nordkap und wieder nach Hannover (6.696 km)

1973: Von Allenstein durch Polen und Rumänien bis in die Türkei und über Belgrad wieder zurück nach Würzburg (5.963 km)

1974: Von Wien durch Ungarn, Rumänien und Bulgarien, dann über Zagreb und Salzburg zurück nach Nürnberg (5.680 km)

1975: Von Graz über die Türkei bis nach Aleppo in Syrien, dann über Kuwait zurück nach Istanbul (10.905 km)

1976: Von Helsingör in Dänemark über Schweden und Finnland bis in die ehemalige Sowjetunion, dann weiter über Bukarest (Rumänien) und Ljubljana (Slowenien) und wieder nach Klagenfurt (7.134 km)

1977: Von Salzburg über Griechenland und Zypern nach Tel Aviv (Israel) sowie Jerusalem (Isreal), von dort weiter nach Ägypten und Griechenland und wieder zurück nach München

1978: Von Kopenhagen bis nach Island und den Färöer-Inseln und wieder zurück nach London

1979: Von Berlin durch Polen und die Ukraine bis in die damalige Sowjetunion

1980: Von Klagenfurt über Zagreb (Kroatien) und Skopje (Nordmazedonien) zu Griechenland und Zypern, dann weiter nach Tel Aviv und Jerusalem sowie Kairo (Ägypten) und über Griechenland und Serbien wieder zurück nach München

1982: Vom Tauernpass in Österreich über Belgrad (Serbien) durch Griechenland bis nach Piräus (6.383 km)

1984: Von Genua durch ganz Italien bis nach Malta

Über weitere „Automobile Persönlichkeiten“ des Autostadt Zeithaus lesen Sie hier:
Folge 1: Das Beutler „Spezial-Cabriolet“
Folge 2: Das Käfer-Bähnle
Folge 3: Der motorisierte Butler
Folge 4: Der Auswanderer
Folge 5: Das Geheimnis des Dornröschens
Folge 6: Der Ur-Käfer
Folge 7: Bus, Haus, Museumsstück

Ein besonderer Dank geht an Pablo Rother, Oldtimer-Experte im Autostadt Zeithaus, für die Beratung und Recherche zu allen Automobilen Persönlichkeiten!