Nahaufnahme des Autoscheinwerfers, alles um den Scheinwerfer ist durch einen Kaleidoskopeffekt verzerrt

Unter der Lupe: der Cord 812S

Im Depot und im Zeithaus der Autostadt stehen automobile Ikonen, Prototypen und Raritäten. Jedes Fahrzeug hat seine eigene Geschichte. In unserer neuen Serie „Unter der Lupe“ richten wir den Blick auf genau die kleinen Besonderheiten, die man beim schnellen Vorbeigehen vielleicht übersehen würde. Heute im Fokus: Ein Detail, das aus der Luftfahrt auf die Straße kam.
Autorin: Matea Sievers Prgomet
Fotos: Marko Seifert, Raphael Heidorn, Ralph Kremlitschka
12.03.2026

Wer vor dem Cord 812S aus dem Jahr 1937 steht, bemerkt sofort die ungewöhnliche Front. Die berühmte „Sargnase“ dominiert das Design: eine Motorhaube ohne klassischen Kühlergrill, stattdessen geprägt von horizontalen, umlaufenden Rippen. Doch etwas fehlt. Die Kotflügel sind glatt und aerodynamisch geformt, von Scheinwerfern keine Spur.

Das war Absicht. Der Designer Gordon Buehrig genoss bei diesem Projekt völlige gestalterische Freiheit. Er wollte eine ununterbrochene Linienführung schaffen, die Geschwindigkeit und Eleganz ausstrahlt. Seine Lösung für die notwendige Beleuchtung fand er nicht im Automobilbau, sondern in der Luftfahrttechnik.

Technik aus dem Cockpit

Die Scheinwerfer des Cord 812S sind eigentlich Landelichter aus dem Flugzeugbau. Dort waren sie konzipiert, um bei nächtlichen Landeanflügen aus den Tragflächen geklappt zu werden und die Piste auszuleuchten. Buehrig adaptierte diese geniale Idee für den Asphalt und schuf damit eines der ersten Autos mit Klappscheinwerfern („Schlafaugen“).

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Anders als bei modernen Sportwagen funktioniert dieser Mechanismus jedoch nicht elektrisch auf Knopfdruck. Hier ist Handarbeit gefragt. Im Armaturenbrett befinden sich zwei Kurbeln, mit denen der Fahrer die Scheinwerfer bei Bedarf aus den Kotflügeln drehen muss.

Ein charmantes Unikat

Diese mechanische Lösung sorgt für eine kuriose Eigenschaft, die den Cord 812S weltweit fast einzigartig macht. Da sich jeder Scheinwerfer über eine eigene Kurbel einzeln bedienen lässt, kann dieses Auto etwas, das anderen Fahrzeugen im Serienzustand verwehrt bleibt: Es kann blinzeln.

Ein Scheinwerfer offen, einer geschlossen. Dieses „Zwinkern“ gibt dem Cord 812S eine fast menschliche Mimik. Ein technisches Detail, das zeigt, wie kreativ die Ingenieure der 1930er Jahre Lösungen aus anderen Welten neu interpretierten.

Der Cord 812S kombinierte eine revolutionäre Karosserie, ohne dominanten Kühlergrill, mit wegweisender Technik und einem halbautomatischem Getriebe.
Die Front des Cord 812S, bekannt als "Sargnase", war eine bewusste Designentscheidung für eine glatte, aerodynamische Form und wurde zum Markenzeichen des Fahrzeugs.
Statt eines klassischen Schalthebels ermöglichte dieser filigrane Wählhebel am Lenkrad die Bedienung des halbautomatischen Getriebes.

Ein Katalog voller Innovationen

Der Cord 812S bietet neben den markanten Scheinwerfern noch eine Fülle weiterer technischer Besonderheiten. Gordon Buehrig verwirklichte hier Ideen, die ihrer Zeit weit voraus waren. Das Armaturenbrett greift das Luftfahrt-Thema konsequent auf: In eine „gekorkte“ Aluminiumfläche eingelassen finden sich zahlreiche Instrumente, die an ein Flugzeug-Cockpit erinnern. Hier saß auch das erste serienmäßig in einem Automobil verbaute Radio, dessen Lautsprecher im Dachhimmel integriert war.

Auch konstruktiv betrat der Cord Neuland: Statt eines klassischen Leiterrahmens setzte er auf eine frühe Form der selbsttragenden Karosserie, bei der Aufbau und Fahrgestell eine feste Einheit bildeten. Diese Bauweise sorgte für hohe strukturelle Steifigkeit, reduzierte das Gewicht und ermöglichte die außergewöhnlich flache und geschlossene Linienführung des 812 S.

Kein Wunder also, das sogar das Fahren selbst futuristisch wirkte: Dank des Frontantriebs gab es keinen Kardantunnel, was einen völlig ebenen Wagenboden und viel Beinfreiheit ermöglichte. Geschaltet wurde über ein Vorwahlgetriebe des Bremsherstellers Bendix, einem Pionier auf diesem Gebiet. Ein kleiner Hebel an der Lenksäule wählte den Gang vor. Sobald der Fahrer die Kupplung trat, legte die Elektromagnetik den Gang ein. Um die elegante Form nicht zu brechen, wurden zudem Tankverschluss und Türscharniere verdeckt, während am Heck zwei große, in die Karosserie eingearbeitete Rückleuchten für einen futuristischen Abschluss sorgten.

Fact-Box

Modell
Cord 812S


Jahr
1937


Standort
Autostadt Depot


Das besondere Detail
Versenkbare Scheinwerfer


Fun-Fact
Durch separate Handkurbeln für jeden Scheinwerfer kann das Auto „blinzeln“.

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Ein besonderer Dank geht an Pablo Rother, Oldtimer-Experte im Autostadt Zeithaus, für die Beratung und Recherche zu allen Modellen!