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Nervenkitzel in 50 Metern Höhe

Die gläsernen Fahrzeugtürme sind Wahrzeichen der Autostadt. Die Wenigsten wissen, dass es für Notfälle einen spektakulären Rettungsweg von ihrem Dach zurück auf den Boden gibt.
Text: Simone Willmann
Fotos: Tim Schulze
25.08.2026

48 Meter hoch ragen die Fahrzeugtürme der Autostadt in den Himmel. Wer oben angekommen ist, blickt weit über Wolfsburg hinaus, über das Volkswagen Werk, bei gutem Wetter sogar bis zum Harz. Seit 2007 gehören die Turmfahrten zum Erlebnisangebot der Autostadt: In einer gläsernen Kabine geht es hinauf. Doch wo Menschen nach oben fahren, muss es auch einen sicheren Weg zurück geben. Denn was passiert eigentlich, wenn in den Türmen je ein Brand ausbrechen sollte? Wenn Aufzug oder Treppen nicht mehr sicher genutzt werden können? Für genau diesen Fall gibt es auf dem Dach der gläsernen Türme einen Plan, den vermutlich die wenigsten Besucherinnen und Besucher kennen: einen Rettungsschlauch. Die Vorstellung klingt erst einmal abenteuerlich. Ein Stoffschlauch? Vom Dach? Fast 50 Meter senkrecht nach unten?

Die Fahrzeugtürme in der Parklandschaft der Autostadt
Blick von unten einen der Türme hinauf, mit dem Rettungsschlauch vom Dach herabhängend

Tatsächlich liegt das System gut geschützt in einer unscheinbaren, verschlossenen Metallkiste. Einmal jährlich wird es gewartet. Gemeinsam mit dem Brandschutzteam der Autostadt, Mitarbeitenden, der Werkfeuerwehr und Spezialisten der Firma Axel Thoms Lebensrettungseinrichtungen aus Bad Bramstedt wird dann getestet, ob im Ernstfall alles funktioniert und jeder Handgriff sitzt. Und spätestens an diesem Punkt wird klar: Hinter der spektakulär klingenden Idee steckt erstaunlich viel Ingenieurskunst. Denn niemand muss im Ernstfall über eine Brüstung klettern oder in die Tiefe schauen. Der Schlauch wird mit einem speziellen Einstiegsbügel direkt über die Dachkante geführt. Der Einstieg erfolgt geschützt von oben – fast wie durch einen Tunnel.

Wer bei „Rettungsschlauch“ an freien Fall denkt, liegt falsch. Stattdessen sorgt eine eingenähte Stoffspirale dafür, dass man kontrolliert nach unten gleitet. Oder wie Hersteller Axel Thoms das System beschreibt: eine „Wendeltreppe aus Textil“. Das klingt technisch – fühlt sich aber vor allem erstaunlich durchdacht an. Auf den 48 Metern abwärts dreht man sich insgesamt 26 Mal um die eigene Achse. Trotzdem bewegt sich alles deutlich langsamer, als man vermuten würden: Mit ungefähr sieben Stundenkilometern rutscht man kontrolliert nach unten. Schnell genug, um zügig unten anzukommen – langsam genug, damit aus der ersten Nervosität keine Panik wird. Unten angekommen, bleibt neben dem nicht zu leugnenden Adrenalin-Kick vor allem ein Gedanke: Wie clever diese Lösung eigentlich ist.

Die Drehleiter der Feuerwehr reicht nur bis etwa zur halben Höhe der Türme. Darüber braucht es einen anderen Ausweg. Und genau der lässt sich hier im Ernstfall einfach sauber, trocken und zuverlässig aus der Metallkiste zaubern. Was zunächst nach Mutprobe klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Masterplan, als ziemlich beruhigendes Sicherheitskonzept. Eines, das hoffentlich nie gebraucht wird – aber zeigt, wie viel Planung und Weitsicht in jedem Teil der Autostadt steckt.

Autorin Simone Willmann im Einstieg zum Rettungsschlauch