Bus, Haus, Museumsstück

Die bewegende Geschichte eines Volkswagen Werksbusses, der zum Zuhause wurde – und nach vielen Umwegen in der Autostadt seine eigene Heimat wiederfand.
AUTOR: KATHARINA AURELIA SCHMIDT
FOTOS: AUTOSTADT
13.10.2025

In den 50er Jahren stieg die Zahl der Mitarbeitenden bei Volkswagen schnell an. In nur sechs Jahren verdreifachte sich die Belegschaft nahezu. Viele der Werksangestellten wohnten in der Umgebung von Wolfsburg und pendelten zu ihrer Arbeitsstätte. Ein eigenes Auto war für die meisten Angestellten in dieser Zeit noch nicht erschwinglich, der Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln teils kompliziert. Um der Belegschaft den Arbeitsweg zu erleichtern, entschied man sich Werksbusse einzuführen.

Die Wahl fiel auf die Firma Büssing, einen Hersteller, der seit 1904 Omnibusse herstellte. Lange Jahre war das Unternehmen ein Branchenführer, unter anderem durch die Entwicklung des Unterflur-Konzepts, das eine bestmögliche Raumnutzung in Bussen und Lastwagen ermöglichte. Volkswagen setzte das Modell 6500T ab 1955 als Werkslinienbus ein. Mindestens sechs Fahrzeuge waren über einen Zeitraum von 23 Jahren im Einsatz. 1978 wurde das letzte verbliebene Model verkauft, nicht erneut zugelassen und verschwand so für einige Zeit aus dem Blickfeld.

1955

Baujahr

110 kw / 150 PS

Leistung

49 Sitzplätze

Ausstattung

Die Spur dieses letzten Werkbusses fand sich erst zu Beginn der 90er Jahre wieder. Auf einer Wiese in Kalscheuren, westlich von Köln, wurde der Büssing zu dieser Zeit als Haus auf vier Rädern bewohnt. Der Zustand des Fahrzeugs war mittlerweile so marode, dass es nicht mehr selbst bewegt werden konnte. Aufgrund des Baus einer Brücke über die nahegelegene Bahnstrecke war der Busbewohner gezwungen den Platz zu räumen und entschloss sich, den Büssing 6500T für 600 D-Mark an einen Sammler und Enthusiasten alter Nutzfahrzeuge zu verkaufen. Dieser brachte das Fahrzeug auf einen Stellplatz im Sauerland und lagerte es dort vorerst ein. Nach einem erneuten Umzug nach Willich, westlich des Ruhrpotts, begannen erste Restaurationsarbeiten.

Das hohe Alter des Büssing und seine fortgeschrittene Abnutzung machten die Instandsetzung aufwendig. Die notwendigen Reparaturen zogen sich in mehreren Etappen bis weit in die 2010er Jahre hinein. Nach Abschluss der Arbeiten entschied sein Besitzer, den Büssing 6500T an seine ursprüngliche Wirkungsstätte zurückzugeben. Denn auch im Fahrzeugbrief war als Eigentümer allein das Volkswagen Werk eingetragen. 2017 erwarb die Autostadt den Büssing 6500T und brachte den letzten seiner Art nach 39 Jahren zurück nach Wolfsburg. Mit neuem Leben erfüllt, fährt er heute, mit seinem ursprünglichen Kennzeichen, zu besonderen Anlässen sogar wieder durch die Straßen von Wolfsburg.

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Folge 1: Das Beutler „Spezial-Cabriolet“
Folge 2: Das Käfer-Bähnle
Folge 3: Der motorisierte Butler
Folge 4: Der Auswanderer
Folge 5: Das Geheimnis des Dornröschens
Ein besonderer Dank geht an Pablo Rother, Oldtimer-Experte im Autostadt Zeithaus, für die Beratung und Recherche zu allen Automobilen Persönlichkeiten!